Erste Inklusionswoche im rheinland-pfälzischem Sport mit positiver Bilanz

Von der Blindenguide-Ausbildung und Powerchair-Hockey bis zu Kampfsport und Kreativem Gestalten / 33 Veranstaltungen im gesamten Bundesland / Auch Uni Mainz beteiligt sich

 

 

Protagonist*innen auf dem Weg hin zu einem noch inklusiverem Sporttreiben in Rheinland-Pfalz: Die Teilnehmer*innen des Netzwerktreffens Inklusion in Ingelheim. Foto: M. Heinze
Protagonist*innen auf dem Weg hin zu einem noch inklusiverem Sporttreiben in Rheinland-Pfalz: Die Teilnehmer*innen des Netzwerktreffens Inklusion in Ingelheim. Foto: M. Heinze

Protagonisten auf dem Weg hin zu einem noch inklusiverem Sporttreiben in Rheinland-Pfalz: Die Teilnehmer des Netzwerktreffens Inklusion in Ingelheim. Foto: M. HeinzeEine runde Sache war die erste Inklusionswoche des rheinland-pfälzischen Sports, die von 11. bis 17. November mit insgesamt 33 Veranstaltungen im gesamten Bundesland über die Bühne ging. „Viele waren davon sehr gut besucht“, resümierte Cheforganisatorin Silvia Maria Wenzel mit zufriedener Miene. „Rheinland-Pfalz hat bereits tolle zukunftsweisende Projekte – viele noch nicht inklusiv denkende Institutionen können sich daran ein Beispiel nehmen.“ Der Aufruf unter dem Motto „Bist Du IN?“ lockte viele Veranstalter und Interessierte. Wer Lust hatte, konnte bei 20 verschiedenen Sportarten mitmischen und zuschauen.

Die Bandbreite reichte von Rehasport, Rollstuhlbasketball, Rollstuhlrugby und Sitzvolleyball über Walking, Aikido, Judo, Leichtathletik, Boccia und Regenerationstraining bis hin zu Abenteuer- und Erlebnissport, Basketball, Laufen, Turnen, Hockey, Tischtennis und Tandemfahren. Und auch Fußball und Reiten waren im Angebot. „Es haben sich ganz viele Vereine beteiligt“, freute sich Wenzel, die beim Landessportbund Rheinland-Pfalz die Koordinierungsstelle Inklusion leitet. „Das Sportinstitut der Johannes Gutenberg Universität Mainz hat sogar eine ganze Woche des inklusiven Sports ins Leben gerufen.“ Exemplarisch stellt SportInForm einige der Hotspots der Inklusionswoche vor.

Blindenguide-Ausbildung in Cochem

Mal eben raus zum Walken oder Joggen, je nach Lust und Leistungsstand. Für die meisten Läufer ist das Normalität. Nicht so für blinde Menschen. Für sie ist das eine Herausforderung. Denn ohne eine sehende „Führungsperson“ läuft eben nichts. Dieses Problem in den Fokus rücken, bereitwillige interessierte Menschen ansprechen, als Führungsläufer (Guide) ausbilden zu lassen und sich untereinander zu vernetzen – das war Ziel der Veranstaltung am 17. November. Der Einladung des Lauftreff TV Cochem folgend, kamen blinde und seheingeschränkte Menschen wie auch Menschen ohne Handicap, Profiläufer – etwa Ex-Paralympics-Teilnehmer Joerg Trippen Hilgers – aber auch Hobbyläufer sowie Verantwortliche aus dem Bereich Special Olympics sowie vom LSB – wie Silvia Maria Wenzel persönlich an die Mosel. „Eine sehr beeindruckende Veranstaltung, viele Interessierte sind von weit her angereist und drei Betroffene haben eindrucksvoll von ihren Erfahrungen und Hindernissen berichtet“, schwärmte die Referentin. „Es habe sich schnell ein tolles Netzwerk gebildet. „Unsere Blindenlaufschule des LAC Eichsfeld hatte die ehrenwerte Aufgabe, die Guideausbildung zu übernehmen“, erläuterten Hans-Reinhard Hupe und Juliana Löffler. „Zugleich konnten wir im Gegenzug vom reichen Erfahrungsschatz der anderen Teilnehmer profitieren. Es hat sich einmal mehr bewahrheitet, dass Laufen verbindet. Gemeinsam sind wir stark und das visionäre Ziel, der Aufbau eines nationalen ´Network of guide and blind runners´ rückt in greifbare Nähe.“ Peter Raueiser vom TV Cochem zeigte sich begeistert, wie viele Interessierte bei der Guideausbildung Blindenlauf in Kooperation mit der Blindenlaufschule mit von der Partie waren: „Wir werden in unserem Verein nun unser Angebot für blinder Läufer öffnen.“

Powerchair-Hockey in Bad Kreuznach

„Es hat voll Spaß gemacht“, resümierte Edgar Döll, Abteilungsleiter Powerchair Hockey bei den SFD Star Drivers Bad Kreuznach, nach einem gemeinsamen Training samt kleinem Turnier. Döll hatte durch die Inklusionswoche die Chance gesehen, für das Powerchair-Hockey Werbung zu machen und fand in Heidi Müller, Mutter eines Spielers, eine begeisterte Mitorganisatorin für die Veranstaltung. Müller fragte bei den Hockey-Clubs vor Ort an und lief bei VfL-Abteilungsleiter Hans Wilhem Hetzel und Trainer Georg Schmidt offene Türen ein. Obwohl die VfL-Abteilung gerade zwei Turnierwochenenden bewältigt hatte, stand das Vorstandsteam bereit und fuhr mit den U16-Mädels in die Fliednerhalle zum Trainingsplatz der Star Drivers. Hier war schon alles aufgebaut. Die Star Drivers starteten mit ihrem Trainer Jürgen Erdmann-Feix ein Demospiel, damit alle einen Eindruck hatten, wie Regeln und Spielzüge im Powerchair Hockey aussehen. Dann wurden die Gäste von erfahrenen Spielerinnen wie Elke Schmell in die Praxis eingeführt. In einer Hallenhälfte hatten die Hockeymädels Gelegenheit, mit Rollstuhl und Schläger zu üben. Der Umgang mit dem Hockeyschläger – der den Schlägern im Eishockey ähnelt und nicht dem gewohnten Krummholz – erwies sich als einfach beim Spielen. Das Fahren des schnellen Sport-Rollstuhls indes hatte es in sich. Kaum hatten die Spielerinnen erste Fahrkenntnisse, ging es für zwei von ihnen aufs Feld. Sie verstärkten jeweils ein Team der Star Drivers. Auf der Zuschauerbank brandete Jubel auf, als die VfLlerinnen Bälle im Tor versenkten. Auf dem Feld wurde leidenschaftlich gekämpft mit dem Gegenspieler, mit dem Ball und vor allem mit den Rollstühlen. Trotz diverser Zusammenstöße überlebte Mensch und Material. Mit einem Lachen steckten die Sportlerinnen des VfL manches Missgeschick weg, immer mit guten Tipps und Zuspruch versorgt von den Cracks der Star Drivers. Das gelungene Zusammenspiel zwischen den Sportlern begeisterte auch die Mitarbeiterin des Zentrum für selbstbestimmtes Leben Bad Kreuznach, Irene Alberti und Harald Lehmann von der Behindertensportgemeinschaft Kirchheimbolanden, die mit Interesse das Turnier verfolgten. Höhepunkt des Abends war das Spiel VfL versus Star Drivers. Wäre es nach dem Schlachtruf gegangen, hätte der VfL gleich 1:0 geführt, denn der war durch die Verstärkung auf der Bank eindeutig lauter. Doch dann fiel ein Tor nach dem anderen, die StarDrivers wirbelten mit ihren Rollstühlen übers Feld. Am Ende hieß es 8:0 – trotzdem waren alle gut gelaunt.

Sitzvolleyball bei der SpVgg Burgbrohl

„Die Teilnehmer waren sehr offen für Sitzvolleyball“, freute sich Katja Froeschmann, künftige Sport-Inklusionslotsin des LSB. „Es ist viel gelacht worden.“ Sitzvolleyball? Spielt man das im Rollstuhl? Solche und andere Fragen hatte sich sicher manch einer gestellt, als er hörte, dass in Burgbrohl ein Sitzvolleyball-Schnupperkurs stattfinden würde. Die Burgbrohler Volleyballspielerin Katja Froeschmann hatte sich für die Durchführung kompetente Unterstützung an ihre Seite geholt – Sitzvolleyball-Nationalspieler Heiko Wiesenthal aus Koblenz führte mit durch den Abend. Ebenso unterstützend dabei war auch LSB-Inklusionsmanagerin Katharina Pape. Froeschmann sprach hernach von einem „spannenden Mix aus dem Ausprobieren der Techniken Pritschen und Baggern, dem Fortbewegen auf dem Boden durch Rutschen und den Angriffsschlägen. Im abschließenden Spiel durfte dann alles noch mal in Wettkampfform angewendet werden. Im Vordergrund standen definitiv der Spaß sowie das wichtige Thema Inklusion und die Offenheit gegenüber einer noch recht unbekannten Sportart. Jeder einzelne der 19 Teilnehmer habe dazu beigetragen, dass es ein gelungener Abend gewesen sei, urteilte Katja Froeschmann.

Inklusions-Basketball-Turnier in Kruft
Das vierte Inklusionsbasketballturnier unter dem Motto „Einfach Gemeinsam – Sport in Kruft“ stieß auf eine prima Resonanz. „Wir haben wieder einen dieser wunderbaren Abende im Kontext ´Inklusionssport´ erlebt“, erläuterte der künftige Sport-Inklusionslotse Reiner Plehwe. „Weite Teile einer Ortsgemeinde, zwei engagierte Sportvereine mit der DJK Kruft/Kretz und dem TV Kruft, Einrichtungen der Behindertenhilfe und eine große Anzahl unkomplizierter Sportler haben vorgelebt, wie gleichberechtigte Teilhabe und gemeinsames Miteinander im Sport geht.“ Eingeladen zum Turnier waren Sportler, die Lust hatten, einfach dabei zu sein – egal ob mit oder ohne Behinderung. Es ging um das gemeinsame Sporterleben sowie viel Spaß und Begegnung. „Schön für die gesamte Idee war, dass gerade viele junge Menschen der Einladung gefolgt waren“, sagte Plehwe. „So war es auch wenig überraschend, dass – wie immer bei den Veranstaltungen von ´Einfach Gemeinsam – Sport in Kruft´ – eine sehr herzliche, wertschätzende Atmosphäre herrschte.“

Kreatives Gestalten in Mombach
„Es war einfach großartig“, machte Übungsleiterin Andrea Roth vom Mombacher Turnverein im Anschluss an die Veranstaltung „Kreatives Gestalten im Dreivierteltakt“ deutlich. „Wir hatten 17 Teilnehmer und es war ganz toll, als die Teilnehmer zur Walzermusik gemeinsam die Pinsel geschwungen haben.“

Aikido zum Ausprobieren in Landau
Wir machen Inklusion schon immer und es ist bei uns ganz selbstverständlich, dass jeder teilnehmen darf“, betonte Trainer Alexander Broll von den Freunden des Aikido Dojo Landau. „Im Rahmen der Inklusionswoche sind zwei neue Jugendliche dazu gekommen – beide ohne anerkannte medizinische Behinderung.“ Fazit des Übungsleiters: „So ist Inklusion von Menschen ohne anerkannte Behinderungen durch Menschen mit Behinderungen gelungen. Warum auch nicht so herum? Es geht ja schließlich um alle Menschen.“

3. Schulung der Sport-Inklusionslotsen
Die letzte Schulung der Sport-Inklusionslotsen im Weiterbildungszentrum Ingelheim war ein voller Erfolg. „Die Lotsen haben viel gelernt und freuen sich schon auf ihren Arbeitsbeginn am 1. Januar 2020“, resümierte Sport-Inklusionsmanagerin Katharina Pape.

Aktionsangebot in Lachen-Speyerdorf
Auch die TuS Lachen-Speyerdorf 1910 veranstaltete mit der Abenteuer- und Erlebnissportstunde ein inklusives Aktionsangebot. „Den Kids hat es so viel Spaß gemacht“, freute sich der unterschenkelamputierte Übungsleiter Christoph Kettenring. Den Sieben- bis Elfjährigen wurde in der August-Becker-Schule ein Erlebnis der besonderen Art geboten. Unter anderem galt es mit verbundenen Augen einen Parcours inklusive Sprossenwand zu meistern. Da war buchstäblich blindes Vertrauen in den jeweiligen Partner gefragt, der mit Zurufen oder Gesten bei der Bewältigung des Parcours helfen musste. Die Protagonisten werden diese ungewöhnliche Übungsstunde so schnelle nicht vergessen…

Inklusionswoche am Sportinstitut der Uni Mainz

Sport in sozialer Verantwortung heißt auch, die Studierenden fit für die inklusive Praxis zumachen. „Thinking out of the box” – unter diesem Motto wurde am Sportinstitut der Uni Mainz das Thema Inklusion im Sport in Theorie und Praxis gelebt. Ziel war es Begegnungen zu schaffen, Ängste abzubauen und vor allem vielfältige Möglichkeiten aufzuzeigen. Mit von der Partie war auch Mathias Mester. Der mehrfache IPC-Weltmeister im Speerwurf und Silbermedaillen-Gewinner bei den Paralympics 2008 in Peking stand einer Gruppe von Studierenden Rede und Antwort. Unter Sportlern habe er selten das Gefühl, ausgegrenzt zu werden, betonte Mester. An zwei Tagen durften die Studierenden sich im Rollstuhlbasketball üben mit Bundesligist Rhine River Rhinos. Auch im Rollstuhltanz konnten sich die Studierenden ausprobieren. Jörg Köhler erläuterte Tipps im Umgang mit heterogenen Gruppen, während Prof. Dr. Rainer Schliermann über Grundlagen zum Thema Inklusion im Sport referierte.

Quelle: LSB Rheinland-Pfalz, Verfasst von Michael Heinze


  • Protagonist*innen auf dem Weg hin zu einem noch inklusiverem Sporttreiben in Rheinland-Pfalz: Die Teilnehmer*innen des Netzwerktreffens Inklusion in Ingelheim. Foto: M. Heinze
    Ungefähr 30 Frauen und Männer stehen neben einem Roll Up mit dem Titel "Inklusion im Sport"

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